Vor der Geburt

Schon im Mutterleib beginnt die Entwicklung der ersten musikalischen Fähigkeiten. Insbesondere bei Umweltreizen wie Geräusche, Klänge und Musik, können die werdenden Mütter Reaktionen ihres ungeborenen Kindes spüren. Die Cochlea, in der sich das Cortische Organ (das eigentliche Hörorgan) befindet, ist ungefähr im dritten Monat der Schwangerschaft in ihrer Form ausgebildet, und erreicht ihre volle Größe in der 20. Schwangerschaftswoche. Wahrnehmen können die Babys ihre Umweltreize etwa ab der 23. Schwangerschaftswoche, wie zum Beispiel den Herzschlag der Mutter, den Blutkreislauf und ihre Stimme. Bereits etwa in der 33. Schwangerschaftswoche zeigen Babys deutliche Reaktionen auf Musik. Der Umgebungsschall kommt nur teilweise durch die Bauchdecke der Mutter und bei dem Fötus an. Hohe Frequenzen, zum Beispiel die einer Triangel, werden sehr gedämpft. Beim Sprechen und bei Musik liegt die Dämpfung bei 14 bis 20 dB. Nur tiefere Frequenzbereiche unter 250 Hz dringen fast ungedämpft durch die Bauchdecke. Die Stimme der Mutter, die mit 60 dB gemessen wurde, hört der Fötus mit immer noch 52 dB. Das sind ca. 24 dB über den Hintergrundgeräuschen. Eine Unterscheidung zwischen Männer- und Frauenstimmen ist für das Ungeborene allerdings noch nicht möglich, da die Stimmen nur sehr verändert an sein Ohr gelangen. Die Sprachmelodie und der Klang des Sprechens sind jedoch genau erkennbar. Etwa 30 Prozent aller Phoneme (kleinste Bedeutungsunterschiede in der Sprache, zum Beispiel „Bein“ und „Pein“) können unterschieden und musikalische Melodien deutlich gehört werden. Wenn sehr laut gesprochen wird, sind sogar einzelne Wörter erkennbar.

Die Art der Reaktion im Verhalten von Neugeborenen deuten darauf hin, dass Geräusche oder ein bestimmter Klang bereits im Mutterleib gehört und erlernt wurde. Musik die die Babys im Mutterleib gehört haben, können sie in Erinnerung halten. Eine Forschung mit Säuglingen ergab, dass 86 Prozent der untersuchten Säuglinge, wenn sie vertraute Geräusche hörten, innerhalb von 20 bis 28 Sekunden aufhörten zu schreien. Während einer weiteren Studie wurden Föten im sechsten, siebten und achten Monat eine kurze Flötenmelodie vorgespielt. Dabei wurde bei den Müttern eine Entspannung der Bauchmuskulatur durchgeführt, welche für den Fötus angenehm sein soll. Die Studie zeigte, dass diese Melodie beruhigend auf die später geborenen Kinder wirkte. Neun von vierzehn Kindern hörten auf zu schreien, und die gleiche Anzahl öffnete die Augen. Diese Reaktionen zeigten sich nicht bei Kindern einer Vergleichsgruppe, die einen anderen Stimulus bekommen hatten. Somit kamen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die Reaktionen der Kinder nicht auf den Tastsinn betreffende Reize, sondern auf die akustischen Reize und das wiedererkennen der Flötenmelodie zurückzuführen sind. Denn nach der Geburt würden die Kinder sonst nicht auf die Melodie reagieren. Auch der Klang des mütterlichen Herzschlages ist ein ständiger Begleiter des Ungeborenen. Zwar ist der Herzschlag nicht das vorherrschende Geräusch im Mutterleib, aber dennoch kann sich ein Säugling nach der Geburt daran erinnern und er hat meist eine beruhigende Wirkung.

Fest steht also, dass das Ungeborene im Bauch der Mutter die unterschiedlichsten Klänge und Geräusche wahrnehmen kann und sie zu einem gewissen Grad erlernen und wiedererkennen kann. Wie nachhaltig die Einflüsse im Mutterleib auf die spätere musikalische Entwicklung einwirken, ist jedoch unklar. Die musikalische Begabung lässt sich auch keineswegs pränatal programmieren. Außerdem wird vermutet, dass Kinder, die keine musikalische Erfahrung vor der Geburt hatten, dies nach der Geburt in kürzester Zeit aufholen können. Wie geht es also weiter?

Von Birte Lill Bechtle


Quellen:

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